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Wie geht es weiter mit der Pflege- und Pflegeversicherung?
Jürgen Zerth, Diskussionsveranstaltung FW Eichstätt, Dienstag, 21. Juli 2026
Pflege, ein Thema, das uns alle angeht, und uns in Zukunft noch stärker sozial als auch ökonomisch herausfordern wird. Da ist es nicht verkehrt über den Tellerrand hinauszuschauen und zu betrachten, was einerseits andere Länder in Europa für Konzepte entwickeln, um den steigenden Pflegebedarf in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft gut und würdig zu meistern, und andererseits den Entwurf des neuen Pflegeneuodnungsgesetzes der Bundesrepublik genauer unter die Lupe zu nehmen.
Aus diesem Anlass luden die Freien Wähler Eichstätt e. V. am 21. Juli den bekannten Fachmann Professor Jürgen Zerth von der KU Eichstätt ins Gasthaus Gutmann ein, um mit ihm über die Lage und die zukünftigen Entwicklungen zu diskutieren.
Prof. Zerth konnte zu Beginn den interessierten Zuhörern einen guten Überblick über die aktuelle und zukünftig zu erwartende pflegerische Situation geben. Derzeit werden etwa 5,3 Millionen Menschen zu Hause gepflegt - meist von den Partnerinnen, die dann später bei eigener Pflegebedürftigkeit oft auf fremde Hilfe angewiesen sind. Insbesondere die Pflege von dementen und palliativ zu versorgenden Pflegebedürftigen wird die Pflegenden vor große Herausforderungen stellen. Die sogenannte informelle Pflege im familiären Umfeld bleibt dennoch mit 80% das Rückgrat der deutschen Pflege insgesamt. Die Unterstützung und Entlastung dieser Pflegenden, finanziell, psychisch und physisch, sollte der Staat und die Gesellschaft daher laut Prof. Zerth stärker ins Auge fassen. Denn diese Säule der Pflege nimmt jetzt schon zunehmend ab.
Auch wenn die Gesundheitsreform angesichts der Milliardenausgaben heute noch im Fokus der Diskussion steht, so hat – was nicht unerheblich ist - der Umfang für die Pflegeausgaben - und demzufolge die Beiträge für die Pflegeversicherung - am stärksten zugelegt und sich innerhalb von 9 Jahren mehr als verdoppelt. Insbesondere weil etwa 780.000 Personen stationär betreut werden.
Mit dem neuen Pflegeneuordungsgesetz „wird sich einiges ändern“ betont Prof Zerth. Neben strukturellen Veränderungen, die durchaus gute Ansätze und Vorschläge beinhalten, wird es auch zu Einsparmaßnahmen kommen. So werden z.B. die Zeiträume für die Erreichung der nächsten Stufe beim Eigenanteil für stationär betreute Pflegefälle, verlängert. Was nichts anderes heißt, als dass mehr Kosten bei den Betroffenen hängen bleiben als zuvor. Sie werden zur Kasse gebeten - ggf. bis hin zur Annahme einer notwendigen Sozialhilfe. Zurzeit liegt der durchschnittliche Eigenanteil in Deutschland bereits bei etwa 3100 €. Also schon heute ein Beitrag, den sich auf Dauer nicht jede und jeder leisten kann. Hier sind statt dem Teilkaskoprinzip in der Pflege u.a. neue Absicherung-Konzepte vor dem Eintritt des Pflegefalls gefragt meint Prof. Zerth.
Immerhin soll ein Teil des durch das neue Gesetz gewonnenen Budgets auch beim Pflegepersonal ankommen, die trotz des überschaubaren Lohnes eine große Verantwortung in unserer Gesellschaft übernehmen. Die Anhebung der Gehälter ist auch ein probates Mittel, um die Problematik des massiven Fachkräftemangels in den Griff zu bekommen.
Es gibt noch weitere erfreuliche Ansätze im neuen Gesetzentwurf. Die Einrichtung einer Pflegebegleitung, die den Familien in allen Fragen beratend zur Seite steht, wäre eine solche strukturelle Verbesserung. Sie müsste dann allerdings mit entsprechenden Finanzen breit aufgestellt und handlungsfähig gemacht werden. Auch die Anreize für die Nachbarschaftshilfe im sozialen Umfeld soll durch das Sozialraumbudget gefördert werden. Allerdings braucht es hier sinnvolle, umsetzbare Projekte wie das Quartierskonzept, die von der Gesellschaft getragen werden müssen und teilweise ein Umdenken im sozialen Miteinander erfordern. Im Bamberg begleitet Prof. Zerth gerade so ein Careprojekt.
Das vielseitige und komplexe Themen rund um die Pflege und die neue Gesetzgebung konnte Herr Prof. Zerth den Zuhörern gut nahebringen. Mit vielen Fragen und Anregungen entspannte sich eine rege Diskussion und machte den Zuhörern klar, dass es nicht nur um die Umverteilung von Geldern, sondern vielmehr um tiefgreifende Veränderung in unserer Gesellschaft gehen muss, um auch den im Alter hilfsbedürftig gewordenen Menschen, einen würdevollen letzten Lebensabschnitt zu ermöglichen.
Die Folien, die Professor Zerth im Rahmen seines Vortrags zeigte, finden Sie Hier